Das は-が-Dilemma Teil 2 - Rollen des Subjekts
Geschrieben von flups amIn dem Artikel Das は-が-Dilemma haben wir das Konzept von Thema und Kommentar kennen gelernt und uns ausgiebig mit der Frage beschäftigt, warum es oft so wirkt, als würde は das Subjekt markieren. Nachdem wir jetzt hoffentlich eine recht gute Vorstellung davon haben, was das Thema ist, werden wir uns diesmal intensiver mit dem Subjekt beschäftigen.
Auch hier die Warnung: Es wird wieder sehr Theorie-lastig mit vielen neue Fachbegriffen. Deshalb möchte ich einen von mir geschätzten YouTuber zitieren: "Schnappt euch ein Heißgetränk, und ab geht die wilde Reise..."
Das Subjekt, wer oder was ist das eigentlich?
Erinnern wir uns dran, was wir über das Subjekt im ersten Teil gesagt haben:
Das Subjekt ist der Täter. Subjekt = wer etwas tut.
Wir kennen das noch aus dem Deutschunterricht: Wir fragen nach dem Subjekt (dem Nominativ) mit der Frage: "Wer oder was?"
- Tanaka-san tötet den Lehrer.
Wer oder was tötet den Lehrer? Tanaka-san.
Dieses Bild vom Täter als Subjekt funktioniert in Handlungssätzen recht gut, selbst wenn wir nichtbelebte Subjekte haben:
- Das Auto biegt ab.
Wer oder was biegt ab? Das Auto.
Das Auto handelt zwar nicht aus eigenem Antrieb, wir billigen ihm aber einen eigenen Willen zu. Wir personifizieren das Auto und betrachten es anstelle das Fahres als Stellvertreter (Proxy) als Täter.
Spätestens bei Aussagesätzen bricht die Vorstellung des Täters als Subjekt jedoch zusammen, auch wenn wir unverändert mit "Wer oder was" nach dem Subjekt fragen können:
- Das Haus brennt.
Wer oder was brennt? Das Haus.
Es ist schwer vorstellbar, dass das Haus brennen will. Das Haus ist also nicht der Täter, sondern das Opfer.
Wir haben damit zwei gegensätzliche Rollen entdeckt, die das Subjekt einnehmen kann. In der Linguistik nennt man diese Rollen
- Agens: Der Teilnehmer, der die Handlung auslöst und kontrolliert.
- Patiens: Der Teilnehmer, der von der Handlung betroffen ist.
Diese Rollen funktionieren auch im Japanischen:
- 田中さんが先生を殺している。(田中さん ist hier der Agens)
- 家が燃えている。(家 ist hier der Patiens)
Die Fallfrage brauchen wir im Japanischen nicht, denn die Partikel が zeigt uns an, welches Nomen das Subjekt ist.
Wir sehen: Sowohl im Deutschen als auch im Japanischen ist die Vorstellung vom Subjekt als Täter nicht haltbar. Welche semantische Rolle, Agens oder Patiens, das Subjekt einnimmt, wird durch das Verb bestimmt. Subjekt und Verb stehen hier in einer Wechselbeziehung:
- Das Subjekt beeinflusst die Form des Verbs: Im Deutschen bestimmt es die klassische Konjugation (Person/Numerus), im Japanischen steuert es z. B. bei Gefühlsverben die Form je nach Sprecherperspektive (z. B. das Suffix ~garu für dritte Personen) oder legt fest, welche Verben angemessen sind (z. B. im Keigo)
- Das Verb bestimmt die Rolle des Subjekts: Es legt fest, welche semantische Rolle das Subjekt einnimmt – und bestimmt darüber hinaus die weiteren „Spieler“ im Satz.
Man kann auch sagen: Das Subjekt ist der Hauptdarsteller, es steht im Spotlight und zieht die Aufmerksamkeit auf sich. Das Verb ist der Regisseur. Es entscheidet, welche Spieler mit welchen Kostümen auf der Bühne stehen und welche Rollen jeder Darsteller hat.
Was die Sache auf den ersten Blick so unüberschaubar macht, ist, dass wir ein Dreigestirn haben, das oft in einen Topf geworfen wird:
- Satzglieder — grammatische Funktionen wie Subjekt, Objekt, Ergänzungen. Sie beschreiben syntaktische Funktionen innerhalb des Satzes. Die Satzglieder sind unsere Schauspieler.
- Kasus — die Markierung dieser grammatischen Rollen. Im Deutschen durch Flexion und Artikel, im Japanischen durch Partikeln, im Englischen durch Satzstellung und Präpositionen. Kasus ist also ein Markierungssystem. Die Kasus sind gewissermaßen die Kostüme, die den Schauspielern angelegt werden.
- semantische Rollen — diese ergeben sich aus den Bedeutungsinhalten. Ob ein Nomen Agens oder Patiens ist, können wir erst im Zusammenhang mit dem Verb erfassen. Semantische Rollen sind bedeutungsbezogen, nicht syntaktisch. Sie sind die Rollen der Spieler.
Im Japanischen kommt dann noch die Informationsebene on top. Wenn man dann versucht, dies alles mit Subjekt, Objekt und Thema zu erklären, ist das von vornherein zum Scheitern verurteilt.
Weitere Rollen des Subjekts
Mit Agens und Patiens – bzw. acting agent und patient im Englischen – kann man bereits sehr viele grammatische Phänomene erklären. In der Didaktik beschränkt man sich deshalb oft auf diese beiden Rollen als grobe Verallgemeinerung von Subjekt und Objekt. Auch ich habe das in diesem Blog an einigen Stellen getan.
In dieser Serie wollen wir jedoch tiefer eindringen, um die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Deutsch und Japanisch herauszuarbeiten. Dafür reicht die Zweiteilung in Agens und Patiens nicht aus. Wir müssen also weitere semantische Rollen einführen, die das Subjekt annehmen kann.
Diese Rollenaufteilung ist weder absolut, vollständig, noch in Stein gemeißelt. An einigen Stellen habe ich zudem pragmatisch vereinfacht. Ein Linguist wird an einigen Stellen sicher die Brauen runzeln.
🥶 Experiencer
Als Experiencer bezeichnen wir den Spieler, der etwas empfindet oder erlebt.
- Ich erschrecke mich.
私が驚く。
Nicht immer ist der Experiencer das Subjekt:
- Mir ist kalt.
寒いよ。
Im Deutschen übernimmt oft der Dativ die Rolle des Experiencers. Im Japanischen kann er komplett verschwinden.
Auch die Rollenverteilung kann sich bei der Übersetzung ändern:
- Ich liebe dich.
私は君が好きだ。
In beiden Sprachen ist der Sprecher der Experiencer ("ich" bzw "私は"). Aber im Deutschen ist der Experiencer das Subjekt, im Japanischen wird er zum Thema. Das Subjekt ist zwar der Hauptdarsteller, aber das Thema versucht manchmal, ihm die Show zu stehlen.
🎁 Recipient
Der Recipient ist der Empfänger, das Ziel oder der Nutznießer einer Handlung:
- Ich bekomme von einem Freund ein Buch.
私が友達に本をもらう。
Ich begehe hier eine kleine linguistische Ungenauigkeit, indem ich die Rollen Empfänger, Ziel und Nutznießer als Recipient zusammenfasse. Streng genommen müsste man hier weiter unterscheiden, das würde allerdings den Rahmen des Artikels sprengen.
Im Deutschen ist das Subjekt allerdings nur selten der Recipient. Es tritt vor allem mit Verben wie "bekommen", "erhalten", "empfangen" u. ä. auf. Ich nenne diese Verben sowie ihre japanischen Gegenstücke ab jetzt Empfangsverben. Tatsächlich spricht man in der Linguistik ganz offiziell von recipient verbs.
Viel häufiger steht der Recipient allerdings im Dativ.
- Ich gebe DEM KIND den Lutscher.
私が子供にロリポップをあげる 。
Vergleichen wir die japanischen Sätze noch mal miteinander, dann fällt uns auf, dass に hier zwei komplett gegensätzliche Rollen einnimmt:
- 私が友達に本をもらう。
Hier ist に der Geber bzw. der Agens. - 私が子供にロリポップをあげる 。
Hier ist に der Recipient.
Das liegt am Verb, dem Regisseur des Satzes: もらう ist ein Empfangsverb, あげる ist es nicht. Wir können uns folgende Regel merken:
Bei Empfangsverben markiert が den Recipienten und に den Agens (Geber bzw. Auslöser).
Besonders auffällig ist das im japanischen Passiv. Diese Form heißt 受身形 - wörtlich "Empfangsform". Das Passiv macht aus Verben immer Empfangsverben:
- Der Lehrer ist von Tanaka-san getötetet worden.
先生が田中さんに殺されている。
An dieser Stelle kommt es dann regelmäßig zur Gehirnschmelze. Viele lernen に als Zielpartikel kennen und tatsächlich lässt sich ein Großteil der Funktionen darunter zusammenfassen. Das Passiv ist dann meist der erste Kontakt, bei dem に eine komplett gegensätzliche Funktion hat. Warum ist aber に nicht das Ziel sondern der Auslöser? Es liegt an der semantischen Struktur des Verbs. Sie zwingt に die Agens-Rolle auf.
Hat man diesen Punkt dann überschritten, kommt die nächste Gehirnschmelze: Das Leidenspassiv. Dabei gilt auch hier ganz konsequent: が markiert den Recipient, に markiert den Agens. Und を - das Objekt - kann seine Hauptfunktion wahrnehmen und in die Opferrolle (Patiens) schlüpfen:
- 太郎が田中さんに先生を殺された。
Tarou leidet, denn sein Lehrer wurde von Tanaka-san getötet.
Das Opfer ist ganz klar der Lehrer, Tanaka-san ist unbezweifelbar der Agens und Tarou ist von der Handlung betroffen und somit der Recipient. Man muss hier keine gedanklichen Verrenkungen anstellen, die Logik bleibt glasklar und kohärent.
🏠 Zustandsinhaber
Der Spieler, dessen Zustand beschrieben wird.
- Das Haus steht leer.
家が空いている。 - Es ist laut.
煩い。
Im zweiten Beispiel ist "es" ist hier ein Platzhalter ohne echten semantischen Inhalt. Deutsch braucht diesen, weil die deutsche Syntax zwingend ein Subjekt benötigt. Japanisch ist da konsequenter und lässt das Nomen einfach weg, wenn nicht zum Inhalt beiträgt. Natürlich kann man auch mit 子供が煩い ganz ausdrücklich ein Nomen als Zustandsinhaber definieren.
🌟 Eigenschaftsträger
Der Teilnehmer, dem eine Eigenschaft zugeschrieben wird.
- Claudia ist schön.
クラウディアがきれいだ。
Die Grenze zwischen Zustand und Eigenschaft ist tatsächlich fließend. Das Beispiel
- Das Haus steht leer.
家が空いている。
kann genausogut eine Eigenschaft sein. Wenn man diese Unterscheidung nicht treffen möchte, kann man Eigenschaften auch als dauerhafte Zustände ansehen.
Was wir hier sehen ist die generelle Schwierigkeit, semantische Rollen eineindeutig festzulegen. Rollen sind oft Prototypen und keine scharf abgegrenzten Schubladen. Manche Fälle liegen klar auf der Hand, andere befinden sich in einem Grenzbereich. Dann geht es weniger darum, die eine „richtige“ Rolle zu finden, sondern darum, welche Rolle den Sachverhalt am besten beschreibt.
🌍 Existenzträger
Dies ist der Teilnehmer, dessen Existenz an einem Ort oder in einer Situation festgestellt wird.
- Tanaka‑san wohnt in Osaka.
田中さんが大阪に住んでいる。
🎯 Fazit
Wir haben festgestellt, dass das Subjekt im Deutschen wie Japanischen viele semantische Rollen annehmen kann, dass diese Rollen aber auch mit anderen Kasus bzw. Kasuspartikeln oder sogar der Thema-Partikel は markiert werden können. Ausdrücklich habe ich das nur für Experiencer und Recipient durchgeführt, es gilt aber prinzipiell für die anderen Rollen.
Fassen wir das ganze tabellarisch zusammen und richten unser Augenmerk auf は und が bzw. das Subjekt:
| Rolle | Deutsch (Subjekt) |
Japanisch (が) |
Japanisch (は) |
|---|---|---|---|
| Agens | oft | oft | manchmal |
| Patiens | oft | oft | manchmal |
| Experiencer | manchmal | manchmal | oft (als Thema) |
| Recipient | selten | oft | manchmal |
| Zustandsinhaber | oft | oft | selten |
| Eigenschaftsträger | oft | oft | selten |
| Existenzträger | ja | ja | sehr selten (nur als Kontrast) |
Wie wir sehen, haben wir eine hohe Übereinstimmung beim Subjekt und dem Japanischen が, so dass sich die Bezeichnung Subjekt für den が-Fall geradezu aufdrängt. Das ist eine pragmatische Festlegung. In der Japanologie ist umstritten, ob das Japanische überhaupt über ein eigenständiges Subjekt-Satzglied verfügt. Tae Kim nennt es z. B. konsequent "identifyer" in seinem "Guide To Japanese Grammar".
Unser Problemkind hier ist allerdings は. Scheinbar drängelt es sich immer wieder ins Rampenlicht und versucht, が die Show zu stehlen. Deswegen sollten wir uns an dieser Stelle noch einmal eine Erkenntnis aus dem vorigen Artikel ins Gedächtnis rufen:
は markiert niemals Kasus.
Und genausowenig markiert は im eigentlichen Sinne eine semantische Rolle. は markiert bekannte Information bzw. gemeinsames Wissen. Es geht hier um Information. Diese Information überlagert das oben angeführte Dreigestirn aus Satzgliedern, Kasus und semantischen Rollen.
Und jetzt kommt die abschließende Gehirnschmelze, denn in der Tabelle fehlt eine Eigenschaft, die jetzt wie vom Himmel fällt.
| Deutsch (Subjekt) |
Japanisch (が) |
Japanisch (は) |
|
|---|---|---|---|
| beeinflusst die Form das Hauptsatzverbs |
ja | ja | ja |
Dieser Punkt hat Grammatikern in der Vergangenheit viel Kopfzerbrechen bereitet, denn genau diese Eigenschaft ist in indogermanischen Sprachen mit der Subjekt-Definition verbunden. Tatsächlich steckt dahinter aber ein Phänomen, das sich durch die Informationsstruktur des Japanischen erklären lässt. Wir müssen das hier noch etwas zurückstellen, bis wir uns mit dem Fokus beschäftigt haben.
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